• Karin

# 7 Wieder einmal etwas zum ersten Mal machen



Wann hast du zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht? Zum ersten Mal eine neue Sportart ausprobiert? Zum ersten Mal alleine in eine Bar? Zum ersten Mal vegan gegessen? Zum ersten Mal vor 200 Leuten gesprochen? Deine erste Reise allein? Auf einer Online-Dating-Plattform angemeldet? Kannst du dich noch erinnern, wieviel Überwindung es dich gekostet hat, das zu tun? Wie es sich angefühlt hat, sich derart in Neuland vorzuwagen?


Früher…

Es gab eine Zeit in unserem Leben, die war geprägt von „ersten Malen“: die erste richtige Party, das erste Mal Alkohol, der erste Kuss, der erste Urlaub mit Freunden usw. Diese Zeit war aufregend und irgendwie war alles unberechenbar. Jede Woche ein eigenes Abenteuer.


… und heute

Heute dagegen fühlt es sich oft an, als läge unser Leben wie eine altbekannte Strasse vor uns - schon tausendmal gefahren, jede Kurve in Fleisch und Blut übergegangen, bei Tag und bei Nacht. Der Blick in den Kalender offenbart die Wochenendpläne von heute bis in vier Monaten, absolut vorhersehbar. Schon jetzt ist klar, mit wem wir am dritten Samstag im September ab 19:00 Uhr im Restaurant sitzen. Bei der Arbeit vermutlich noch schlimmer. Dank unserer elektronischen Kalender haben wir selbst die Einträge bis ins übernächste Jahr im Blick.


Mehr Lebendigkeit im Alltag

Eine meiner Strategien für mehr Lebendigkeit ist: mal wieder etwas „zum ersten Mal“ machen. Mich mal wieder selbst herausfordern. Etwas Neues ausprobieren. Mich wieder etwas trauen. Raus aus der Komfortzone, hinein ins Unbekannte. Eine neue Seite an mir entdecken. Herausfinden, ob die Sache, die ich da im Kopf habe, etwas was für mich ist oder nicht. 


Der Yoga-Workshop …

An mein letztes „erstes Mal“ kann ich mich noch gut erinnern. Es ist auch noch gar nicht so lange her. Es war ein Wochenend-Yoga-Workshop im letzten April. Mir war klar, dass da ausser mir fast nur ausgebildete Yoga-Lehrer*innen sein werden. Aber ich wollte die Referentin unbedingt live erleben. Also habe ich mich aufgemacht, an einem Samstag morgen in Zürich, alleine, zu einer völlig unbekannten Adresse. Wenn ich auf dem Weg nicht eine andere Teilnehmerin identifiziert hätte (an der geschulterten Yogamatte), hätte ich nicht mal die Location gefunden. 


Der Workshop hat mich wirklich an meine Grenzen gebracht. Interessanterweise gar nicht auf der körperlichen Ebene. Ich konnte mit all den Yogis und Yoginis, die mindestens ein 200-Stunden Teachertraining absolviert hatten, ganz gut mithalten. Weder meine Kondition noch der Grad meiner Beweglichkeit lagen nennenswert hinter den anderen zurück. Was mich aber meine Grenzen gebracht hat, war der Moment, in dem eine andere Teilnehmerin mit ihren blanken Füssen über meine Yogamatte gelaufen ist. Ich dacht, ich werd nicht mehr. Meine innere Stimme hat getobt. („Ja spinn ich denn?? Macht man das so in Zürich, häh?? Geht’s noch???“). Äusserlich habe ich wohl einfach nur dumm dreingeschaut. Und dann habe ich da noch diese Haare in der Ecke des Raums entdeckt. Leider war dieser Moment am Samstag morgen um 9:20 Uhr. Und der Kurs startete um 9:30 Uhr. Irgendwie wurde die Atmosphäre auch über den Tag weg nicht besser - und ich schliesse nicht aus, dass es mit an mir lag, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Ich hatte noch eine sehr schöne Unterhaltung beim Mittagessen mit einer anderen Teilnehmerin. Aber auch das konnte die Gesamtsituation nicht mehr wirklich verbessern. Nun denn, ich bin trotzdem den ganzen Samstag im Workshop geblieben. Und dank eines Coachings bei einer tollen Kollegin, der ich noch am Samstagabend die ganze Misere erzählen durfte, konnte ich mir zumindest erlauben, am Sonntag ohne schlechtes Gewissen zuhause zu bleiben. 


… und warum es sich trotzdem gelohnt hat hinzugehen.

Trotzdem hat es sich gelohnt. Ich habe mich überwunden und bin alleine zu einem Workshop gegangen, habe meine Matte ausgerollt und mitgemacht. Ich habe direkt aus erster Hand erfahren, wie man die traditionsgeprägte Yoga-Praxis mit den neuesten Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft verbinden kann. Mir wurde wieder einmal klar, dass mir der Respekt vor anderer Leute Eigentum wichtig ist und ich keine Lust habe, mich in einem Umfeld zu bewegen, in dem ich diesen Respekt erst einfordern müsste. Ich habe im anschliessenden Coaching drei Dinge für mich erkannt:

1. Ich bin nicht verpflichtet, am anderen Tag nochmal hinzugehen. Als freier Mensch habe ich die Wahl, Dinge sein zu lassen, die sich für mich als nicht stimmig erweisen.

2. Das Geld ist so oder so ausgegeben - egal ob ich am Sonntag noch einmal hingehe oder zuhause bleibe.

3. Mein innerer Frieden ist mir wichtiger als das Bedürfnis, bei der Veranstalterin zu reklamieren.

Das einzige, was ich bedauere, ist, dass ich meine nette Gesprächspartnerin nicht gefragt habe, ob wir ggf. in Kontakt bleiben wollen. In jeder Hinsicht wird mir dieser Workshop aber noch länger in Erinnerung bleiben.


Fazit

Wieder einmal etwas zum ersten Mal machen, bedeutet nicht zwangsläufig, eine neue Erfolgsserie zu starten. Es muss auch nicht bedeuten, das ganze bisherige Leben auf den Kopf zu stellen und „tabula rasa“ zu machen. Es geht darum, sich einfach mal wieder aus der Alltagsroutine herauszureissen und die Komfortzone zu verlassen. Vielleicht lernt man etwas neues über sich. Vielleicht wird auch nur bestätigt, was man eh schon ahnte. Und es ist auch völlig in Ordnung dabei festzustellen, dass das bekannte Leben einem lieb und teuer ist. Aber wie schade wäre es, wenn man diese Erkenntnis nicht auch ab und an hätte?


Alles Liebe von Karin

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© 2020 Dr. Karin Amberg