• Karin

# 6 Alles entrümpelt!?



Ist dir auch schon aufgefallen, dass in letzter Zeit überall vom Entrümpeln die Rede ist? Social Media ist voll mit Ausmiste- und Aufräumtipps und Marie Kondo entrümpelt auf Netflix. In den Buchläden finden sich jede Menge neuer Bücher rund ums Thema. Und im Kolleg*innenkreis wird derzeit auch schon heftigst ausgemistet. Da stellt sich aber doch die Frage, ob jetzt nicht mal alles fixfertig entrümpelt und für alle Zeiten aufgeräumt sein müsste?!?


Always work in progress

Auch wenn Marie Kondo es mit ihrem Ansatz des „einmal, in einem Aufwasch und für immer“-Entrümpelns anders suggeriert, habe ich festgestellt, dass ich mit dem Entrümpeln nie wirklich fertig bin. Es gibt aus meiner Sicht keinen endgültigen Zielzustand, den man dann nur noch erhalten müsste. So funktioniert das Leben nicht. Wir wohnen ja schliesslich nicht in einem Museum, in dem ein bestimmter Entwicklungsstand konserviert wird. Unser Leben schreitet täglich voran, unterliegt stetiger Veränderung und somit kommen auch regelmässig neue Dinge in unser Leben. Und alles davon kann zu Gerümpel werden. Jeder Gegenstand, der einmal angeschafft wurde, hat das Potential, zu Gerümpel zu werden. Darunter fallen nämlich nicht nur Dinge, die kaputt gegangen sind (die Bratpfanne mit dem abgebrochenen Stil), sondern auch Dinge, die einmal herzenswichtig waren (die neue, ganz spezielle Kaffeemaschine) und die inzwischen niemand mehr benutzt. Wenn sich also wieder einmal Gerümpel angesammelt hat, dann ist das aus meiner Sicht nicht unbedingt ein Beleg für Chaos, mangelnden Überblick oder fehlerhafte Kaufentscheidungen, sondern ein Grund zum Feiern. Neues Gerümpel ist ein Beleg dafür, dass wir uns weiterentwickelt haben. Hurra, wir leben noch.


Warum dann überhaupt entrümpeln?

Dass man mit dem Entrümpeln nie wirklich fertig ist, ist aber kein Grund, gar nicht erst damit anzufangen. Das wäre wie nie wieder zum Friseur zu gehen, weil die Haare ja doch wieder wachsen. Auch wenn man zeitlebens nie mit dem Entrümpeln „durch“ sein wird, sprechen gute Gründe dafür, es immer wieder in Angriff zu nehmen: Entrümpeln schafft Klarheit. Es hilft herauszufinden, ob die Gegenstände, denen du einen Platz in deiner Umgebung einräumst, eigentlich noch widerspiegeln, wer du bist und welches Leben du führen möchtest. Entrümpeln erlaubt dir, alten Ballast abzuwerfen und Raum zu schaffen. Raum zum Durchatmen. Und auch wieder Raum für etwas Neues: Neue Ideen, neue Projekte, neue Dinge...


Die Ärmel hoch!

Wie also anfangen? Bei mir hat es sich bewährt, Zimmer für Zimmer, Schrank für Schrank vorzugehen. Häufig starte ich mit dem Bad. Das Bad ist ein grossartiger Ort zum Entrümpeln, da sich hier meist viele Dinge befinden, die nicht mehr im Gebrauch sind und zu denen man ohnehin kaum emotionale Bindungen hat. Ähnlich verhält es sich bei mir mit der Küche. Aber letztlich kommt es nicht darauf an, wo du anfängst. Ich beginne dort, wo ich aller Voraussicht nach die schnellsten „quick wins“ habe. Und wenn ich dann im Entrümplungs-Flow bin, dann gehts auch in den schwierigeren Bereichen leichter.


Alles leer räumen

Aber egal wo und mit was du beginnst, aus meiner Sicht ist es entscheidend, dass der jeweilige Bereich zu Beginn komplett leergeräumt wird. Das mag jetzt nicht besonders spektakulär klingen. Ist es aber! Wenn du den Schritt überspringst, hast du keine Chance, das Gerümpel zu entdecken. Gerümpel ist ein Chamäleon und kann direkt vor deinen Augen zwischen den liebgewonnenen Dingen unsichtbar werden. Also räum die Schublade, das Regal, den Schrank etc. komplett leer und wirf alles auf einen Haufen (und bei der Gelegenheit kann man auch gleich noch feucht durchwischen).


Mein Gerümpeltest

Wenn dann alles so vor mir liegt, sortiere ich zunächst die Dinge aus, die ohnehin schon nicht mehr richtig funktionieren, kaputt oder abgelaufen sind. Oder die ich sowieso schon eine Weile ignoriere. Und dann gehts an das eigentliche Ausmisten, mit meinem Gerümpeltest. Diesen habe ich für mich entwickelt, nachdem ich schon vor sehr vielen Jahren Karen Kingston („Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“) und vor drei Jahren Marie Kondo („Magic Cleaning“) gelesen habe. Für den Gerümpeltest greife ich mir irgendeinen Gegenstand aus dem Haufen vor mir und gehe im Kopf die folgenden Fragen durch:


  1. Hat der Gegenstand eine Funktion, die mein Leben bereichert?

  2. Würde ich den Gegenstand wiederbeschaffen, wenn er mir abhanden käme?

  3. Macht mich der Gegenstand glücklich?

  4. Widerspiegelt der Gegenstand, wer ich heute bin und morgen sein möchte?


Es kommt dabei nicht auf die Reihenfolge an. Und es ist auch nicht jede Frage für jeden Gegenstand relevant (bei der Bratpfanne liegt für mich der Schwerpunkt auf Frage 1, bei Kleidungsstücken auf Frage 4, Opas Stofftaschentücher dürfen wegen Frage 3 für immer bleiben). Entscheidend ist, dass ich mindestens eine der Fragen aus vollem Herzen mit „Ja“ beantworten kann. Wenn das der Fall ist, bekommt der jeweilige Gegenstand im leergeräumten Schrank, Regal oder in der Schublade wieder einen Platz. Wenn nicht, dann darf die Sache gehen. Und Stück für Stück verbleiben so nur noch die Dinge in meinem Besitz, mit denen ich mich gerne umgebe und die mein Herz erfreuen.


Schlechtes Gewissen

Es kann auch vorkommen, dass sich beim Ausmisten hinderliche Gedanken einschleichen. „Das kann man ja vielleicht noch brauchen“, „das war aber teuer“ oder „das war ein Geschenk“ sind so typische Sätze, die mir da in den Sinn kommen. Und ja, das mag so sein. Die Frage ist aber, ob du allein aus einem dieser Gründe Dinge mit dir rumschleppen möchtest, die dich letztlich Energie kosten - nämlich mindestens die Energie, die es braucht, die Dinge weiterhin zu ignorieren. Wenn dich ein solcher Gedanke dauerhaft am Entrümpeln hindert, kann es sich lohnen, einmal die dahinter liegenden Denkmuster und Glaubenssätze anzuschauen.


Keine Zeit?

Was ich häufig höre, ist „ich hab aber keine Zeit“. Auch beim Entrümpeln gilt „Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen“. Ohne bewusste Einscheidung für das Entrümpeln wird sich die Zeit nicht finden. Allerdings kann gerade das Entrümpeln sehr schnell gehen. Mein Vorschlag ist, mit einem möglichst übersichtlichen Bereich zu starten. Zum Beispiel dem Gewürzregal in der Küche. Oder der Sockenschublade. Oder den Handtüchern im Bad. Egal wie klein die Einheit, du wirst sehen, dass das Entrümpeln Spass macht, befreit und mit der Zeit wie von alleine voran geht. Die Energie, die du beim Entrümpeln frei setzt, kannst du anschliessend wieder für andere Projekte verwenden und gewinnst damit gleich doppelt.


Ich würde ja, aber mein*e Partner*in ...

Ein anderer häufiger Einwand geht in die Richtung „an mir liegts ja nicht, aber mein*e Partner*in zieht da nicht mit“. Mein Vorschlag: Fang mit deinen Sachen an. Deine Sachen im Bad, deine Sachen im Büro, dein Kleiderschrank. Und hol dir für gemeinschaftliche Bereiche, die deine*n Partner*in nicht interessieren (vielleicht die Küche, der Geräteschuppen oder der Keller) das Einverständnis, dass du diese alleine ausmisten darfst. Sehr oft ist zu beobachten, dass der/die Partner*in doch vom Sog des Ausmistens mitgerissen wird und dann ganz von alleine beginnt zu entrümpeln. Und wenn es nicht so ist, dann würde ich das respektieren. Ich rate in jedem Fall davon ab, Sachen des/der Parnters*in auszumisten. Das kann einen Vertrauensbruch zur Folge haben, der belastender sein kann, als das Gerümpel des Partners noch eine Weile zu ignorieren. Auf lange Sicht bin ich überzeugt, dass dein*e Partner*in die positiven Effekte des Ausmistens und Entsorgens (Ent-Sorgen! interessantes Wort!) auch selbst erleben möchte.


Fachgerecht Entsorgen

Der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass ich natürlich für eine fachgerechte Entsorgung plädiere. Je nach dem wo du lebst, gehören die Dinge in den gelben Sack, den Biomüll und Restmüll oder wie auch immer die Bezeichnungen in deiner Region lauten. Elektrogeräte können in der EU und der Schweiz im Handel oder auf den Recyclinghöfen kostenfrei abgegeben werden. Dinge, die noch jemand gebrauchen kann, kann man auf Ebay anbieten, in den Caritas-Laden oder in der Schweiz ins sog. Brockenhaus bringen. In Deutschland habe ich auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, Dinge mit einem Zettel „zu verschenken“ vor die Tür zu stellen. Im Übrigen sind deiner Kreativität bezüglich der fachgerechten und möglicherweise ja auch finanziell lohnenden Entsorgung keine Grenzen gesetzt.



Alles Liebe und viel Spass beim Entrümpeln wünscht

Karin

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