• Karin

# 5 Raus aus dem Tief

Wer kennt sie nicht, diese Tage, an denen sich die Welt gegen einen verschworen hat? An denen die dunkle Wolke über dem Kopf keinen Zentimeter weicht? An denen man sich zu gar nichts aufraffen kann und jeder Handgriff einer zuviel ist? Man sich elend und abgeschlagen fühlt und alles anstrengend ist? Und man am liebsten schreiend davonlaufen würde, wenn dann auch noch der/die Chef*in durch die Tür kommt und was von einem will?


„Jetzt komm mir bloss nicht mit positivem Denken!!!“

Keine Angst. Ich bin ja keine Realitätsverweigerin. Es gibt sie einfach, diese Tage, Wochen, Monate, in denen wir uns - warum auch immer - in einem emotionalen Tief, in einer depressiven Verstimmung befinden. Da muss man auch nichts schönreden. Diese Tiefs sind Teil des Lebens.

Und manchmal wird man auch einfach mit Dingen konfrontiert, die einen aus der Bahn werfen: akute oder chronische körperliche Beeinträchtigungen, der Tod einer nahestehenden Person, ein Konflikt oder eine Trennung, ein Schuldenberg, Unsicherheiten bezüglich der beruflichen Situation usw. Da darf man auch mal ein Tief haben und Emotionen wie Wut, Trauer, Überforderung, Genervtsein, Verzweiflung etc. an sich ran lassen. Aus meiner Sicht ist es eher kontraproduktiv, diese Zustände mit positivem Denken zu übertünchen und wegzudrücken. Schlechte Laune und negative Emotionen haben auch ihren Platz in der Bandbreite der menschlichen Emotionen. Das heisst aber nicht, dass wir einen negativen Zustand auf Dauer hinnehmen müssen. Es gibt Mittel und Methoden, um aus einem solchen Tief auch wieder herauszukommen. Eine Methode möchte ich dir gerne vorstellen.


Die „Was gut gelaufen ist“-Übung

Martin Seligman, ein US-amerikanischer Psychologie-Professor an der University of Pennsylvania und Begründer der Positiven Psychologie, hat untersucht, was Menschen aufblühen lässt. Im Rahmen seiner Forschungen über die Steigerung des Wohlbefindens hat sich gezeigt, dass eine einseitige Ausrichtung auf negative Ereignisse, also Dinge die schief gegangen sind, die Grundlage für Angst und Depression schafft. Um hier wieder einen Ausgleich zu schaffen, empfiehlt Seligman die „Was gut gelaufen ist“-Übung. Diese Übung sieht vor, dass man jeden Abend, bevor man ins Bett geht, drei Dinge aufschreibt, die tagsüber gut gelaufen sind und warum sie gut gelaufen sind. Das muss nichts weltbewegendes sein. Es geht nur darum, die Aufmerksamkeit auf etwas positives zu lenken, wie z.B. „meine Verabredung hat sich gefreut, weil ich pünktlich am Treffpunkt war“.

Seligmans empirische Studien haben gezeigt, dass diese Übung den meisten Menschen in der ersten Woche seltsam vorkam. Personen, die ca. sechs Monate dabeigeblieben sind, waren jedoch nachweislich glücklicher und weniger deprimiert als zuvor (vgl. Seligman, Flourish. Wie Menschen aufblühen. Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens, 2012, S. 57 f.).


… und was war mein Anteil daran?

Ich habe die Übung für mich abgewandelt. Anstatt zu fragen, warum etwas gut gelaufen ist, stelle ich die Frage, was mein Anteil daran war, dass etwas gut gelaufen ist. Die Frage nach dem eigenen Anteil schickt das Gehirn gezielt auf die Suche nach Faktoren, welche in unserem Einflussbereich liegen. Andernfalls besteht nach meiner Erfahrung die Gefahr, dass man allzu leicht geneigt ist, positive Ereignisse und Erlebnisse hauptsächlich dem Glück, dem Zufall, dem Universum oder anderen Menschen zuzuschreiben. Aber selbst wenn bei einem positiven Ereignis vor allem externe Umstände im Spiel waren („ich hatte einen schönen Tag in den Bergen, weil das Wetter gehalten hat“) dann gibt es immer auch mindestens einen Anteil, den du selbst zum Gelingen beigetragen hast. Der im Beispiel erwähnte schöne Tag in den Bergen wäre nämlich nicht zustande gekommen, wenn du nicht mindestens morgens aufgestanden und in die Berge gefahren wärst. Das Suchen und Finden des eigenen, und sei es auch noch so kleinen Anteils an einem positiven Ereignis, hilft uns bewusst zu machen, dass wir es auch selbst in der Hand haben, welche Dinge uns widerfahren und wie wir damit umgehen.


Alles eine Frage des Machens

Und? Kannst du dir vorstellen, der „Was gut gelaufen ist“-Übung in einer der beiden Varianten eine Chance zu geben?

Wie schon erwähnt, möglicherweise geht dir diese Übung nicht gleich leicht von der Hand. Und mitunter dauert es auch mehr als 10 Minuten, bis einem überhaupt drei Dinge in den Sinn kommen. Das wichtige ist aber, dass du nicht aufgibst, bevor nicht die drei Ereignisse und drei Warums bzw. Anteile gefunden sind, egal wie simpel sie aussehen mögen. Mit dieser Übung aktivierst du wieder diejenigen Bereiche deines Gehirns, die für positive Emotionen zuständig sind und die du in letzter Zeit möglicherweise nicht sehr viel benutzt hast. Da ist es kein Wunder, wenn es etwas dauert, bis dir die Dinge einfallen, die gut gelaufen sind. (Die Aktivierung ist übrigens dann besonders effektiv, wenn du deine Notizen handschriftlich machst.)

Wenn du vorzeitig aufgibst, dann ist es so, wie wenn du im Fitnessstudio schon wieder Richtung Umkleide marschierst, bevor der Puls überhaupt hochgegangen ist. Aber wenn du dranbleibst und dir die Zeit nimmst, dann läuft es mit der täglichen Reflexion und dem Ansteuern der für positive Emotionen zuständigen Gehirnareale immer besser. Und über die Zeit wirst du belohnt mit einem schönen Fundus an guten Momenten, die tatsächlich stattgefunden haben. Und solltest du

wieder von dem Gefühl überflutet werden, dass es in deinem Leben nichts, aber auch wirklich gar nichts Gutes gibt, dann kannst du deine Notizen hervorholen und dich selbst vom Gegenteil überzeugen.


Wann fängst du an?


Herzliche Grüsse und Alles Liebe von

Karin



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© 2020 Dr. Karin Amberg