• Karin

# 25 Die wichtigste Lektion ...



…die mir unser Baby beigebracht hat war: Mich gut um mich selbst zu kümmern und mit meinen Ressourcen zu haushalten. Dafür zu sorgen, dass ich bei Kräften und in meiner Mitte bleibe oder jedenfalls schnell wieder dahin zurück komme. Damit ich all die Liebe, Geduld und Kraft aufbringen kann, die so ein neugeborenes Wesen erfordert. Und die Lektion war hart.


Babyversorung an der Grenze zur Selbstaufgabe

Aus dem Spital zuhause drehte sich alles nur noch ums Baby: füttern, wickeln, in den Schlaf begleiten, baden, umziehen, bekuscheln, durch die Gegend tragen. All diese Bedürfnisse wollten erkannt und bedient werden. 24 Stunden am Tag. 7 Tage die Woche. Mit wenigen Pausen. Schön war, als wir uns die „Versorgungs-Arbeit“ direkt nach der Geburt während des Urlaubs meines Mannes teilen konnten. Schwieriger wurde es, als mein Mann wieder arbeiten war und sich die Maus daran gewöhnte, tagsüber mit mir allein zu sein. Plötzlich entwickelte sie konkrete Vorstellungen darüber, mit wessen Herzschlag im Ohr sie ihre Tage und Nächte verbringen wollte: mit meinem. Und das lag nicht daran, dass ich kompetenter darin gewesen wäre, die Bedürfnisse der kleinen zu stillen. Ich war bloss quantitativ präsenter. Und so landete ich ganz schnell in der Falle der 24/7 allzeit bereiten Super-Mom, die mit Spucktuch bewaffnet, milchbefleckt und mit zerzausten Haaren von einem ToDo zum nächsten eilte: füttern, wickeln, schuggeln, tragen, Babykleidung waschen, aufräumen, Haushalt in Schach halten - and repeat. Nachts dann: Baby in der jeweils aktuell bevorzugten Schlafposition einrichten - erst auf mir, später neben mir - und dann also nicht mehr bewegen. Denn 3-5 Stunden schlechter Schlaf sind allemal besser als kein Schlaf.

Das ging ein paar Wochen gut. Dann kam die Krise und der Wunsch nach einem baldigen 18. Geburtstag. In meiner Vorstellung bestellte ich schon das Catering und das Partyzelt. Innerlich war ich am Verhandeln: wenn du auch mal bei Papa im Arm schläfst, spendier ich dir ne Live-Band. Ich war erschöpft, mental total durch, körperlich aus dem Takt, ständig nah am Wasser gebaut. Mein Körper und meine Seele riefen laut: das kann so nicht weitergehen, du überforderst dich, das ist alles viel zu viel.


Nur Bäume, kein Wald

Ich so an Körper und Seele: Ach, ja??? Und was soll ich eurer geschätzten Meinung nach tun?? Welchen Teil soll ich weglassen?? Das Baby NICHT füttern??? Nicht in den Schlaf wiegen??? Nicht ins Tragetuch nehmen??? Dann schläft es aber nicht und weint stattdessen. Wird mein Leben dadurch vielleicht SCHÖNER?????? Wie stellt ihr euch das vor?? Ihr gebt mir hier die Wahl zwischen Pest und Cholera. Körper und Seele so: Jetzt schalt mal einen Gang runter und denk nach. Oder vor. Vordenken ist eh besser als Nachdenken. Ich so: What???? (Oder eben: ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.)


Erkenntnis

Allmählich dämmerte mir, was es hier zu lernen gab. Wenn die aktuelle Situation keine Pausen, Feierabende oder Auszeiten zulässt, dann bleibt keine andere Möglichkeit, als mit den vorhandenen Ressourcen und Kräften so schonend wie möglich umzugehen. Wenn man in Dauerstresssituationen ständig über die Grenzen der eigenen körperlichen und psychischen Belastbarkeit hinausgeht, dann kollabiert man irgendwann. Eigentlich logisch.

Und eigentlich hätte ich diese Lektion schon früher in meinem Leben lernen können, z.B. während meiner Anwaltstätigkeit. Da gab es auch immer wieder Phasen, in denen ich unter völliger Missachtung der Grenzen meiner Leistungsfähigkeit und meines Bedürfnisses nach Essen, Schlaf oder Erholung am Rotieren war. Damals habe ich mir gesagt, ist ja nicht so schlimm, bald ist ja Wochenende/Urlaub/Weihnachten/whatever.

Eine Weile geht so ein Lebenswandel schon gut. Und je nach eigener Konstitution, genügen auch eine Me-Time oder ein paar Tage Auszeit, um wieder in die volle Leistungskraft zu kommen (oder man meint es zumindest). Wenn die nächste Auszeit jedoch gar nicht mehr absehbar ist, egal warum - vielleicht weil man derzeit als Pfleger*in oder Ärztin/Arzt auf einer Corona-Intensivstation tätig ist, weil man auf einer Behörde über Härtefallunterstützung entscheiden muss, oder eben ein Kleinkind oder einen pflegebedürftige*n Angehörige*n versorgt - dann geht es schlicht nicht, dass man dauerhaft übers Limit hinausschiesst. Sonst kippt man aus den Schuhen, und diejenigen, die von einem abhängig sind, haben dann plötzlich auch ein Problem.


Wenn du die Umstände nicht ändern kannst, ändere die Herangehensweise

Was also tun? Ich habe es mit kleinen Schritten versucht. Erst meinen Kaffee austrinken, dann wickeln. Erst mein Abendessen beenden, dann füttern. Wenn Schlaf eine Mangelware ist, dann lieber einmal Zähneputzen streichen und direkt ins Bett fallen. Ein paar Stunden Me-Time am Sonntag. Und vor allem habe ich mir bei jeder anstehenden Aufgabe die Frage gestellt „wie kann ich sie so angehen, dass ich dabei in meiner Kraft bleibe?“. Weil eben: nicht füttern, nicht wickeln, nicht in Schlaf wiegen waren keine Optionen. Aber es steht nirgends, dass man ein Baby abends auf dem Arm durchs Schlafzimmer tragen muss (ab 15 min anstrengend), wenn man es alternativ im Schlafanzug ins Tragetuch stecken und eine Runde um den Block laufen kann.

Das sind jetzt Beispiele aus der Babywelt, aber das Prinzip lässt sich auf jede Lebenssituation übertragen. Zum Beispiel auf den Job. Auch wenn Überstunden manchmal unumgänglich sind, kann ich mir trotzdem überlegen, wie ich diese möglichst angenehm ausgestalte (Wechsel ins Homeoffice, Pause mit einem richtigen Abendessen, Wechselklamotten für die Abendstunden usw.). Und woran man auch immer denken sollte: Unterstützung organisieren und um Hilfe bitten. Und zwar solange man dazu noch in sozialadäquater Manier in der Lage ist, also freundlich und höflich statt genervt oder schon tobend.


Und im Übrigen wünsche ich dir, mir und uns allen zwei Dinge: Die Fähigkeit, mehr und mehr zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen. Und die Ehrlichkeit, dazu auch zu stehen. Auf lange Sicht haben wir alle mehr davon.

Alles Liebe von

Karin

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© 2020 Dr. Karin Amberg