• Karin

# 24 Wege aus der Krise



Vor einiger Zeit habe ich in einem anderen Zusammenhang die Phasen der Change-Kurve beschrieben, die wir in Reaktion auf Veränderungen typischerweise durchlaufen: Schock - Verleugnung/Ablehnung - Rationale Akzeptanz/Frustration - Emotionale Akzeptanz/Tal der Tränen - Ausprobieren/Trial and Error - Erkenntnis - Integration (vgl. # 17 Geschüttelt und gerührt). Wie darin beschrieben, ist der Weg aus einer Krise heraus typischerweise mit einer „trial and error“-Phase verbunden. Blicken wir auf die Corona-Krise und die ersten Lockerungsmassnahmen, die derzeit in Europa umgesetzt werden, scheint es mir, als befänden wir uns nun in den ersten Schritten von „trial and error“.


Politische Massnahmen

Als in der Schweiz lebende Deutsche beobachte ich gespannt die unterschiedlichen Wege und Vorschläge, die in beiden Ländern diskutiert werden und zum Teil schon wieder ad acta gelegt wurden: Tracing-App, Immunitätsausweis, Zwangsimpfung, Mund-Nasen-Schutz-Pflicht für alle/für bestimmte Risikogruppen/situativ (z.B. im ÖV oder beim Einkaufen), flächendeckende Antikörpertests, Staatshilfen für die Wirtschaft, verschiedene Konzepte zur Wiederbelebung der Gastronomie, des Tourismus, des Einzelhandels, des Dienstleistungsgewerbes und des Schulunterrichts, Versammlungs- und Demonstrationsverbote. Auf der Skala zwischen „hochgradig fragwürdig“ und „durchaus sinnvoll“ ist so einiges dabei, die Bewertung sei an dieser Stelle jedem und jeder selbst überlassen. Niemand weiss sicher, was hier gut und richtig ist, und niemand weiss, welche Massnahmen sich langfristig förderlich oder nachteilig auf unser gesellschaftliches Zusammenleben auswirken. Als Bürger von freiheitlich-demokratischen Gesellschaften sind wir gerade in diesen Zeiten gefordert, die vorgeschlagenen Massnahmen kritisch zu hinterfragen und im gesellschaftlichen Diskurs zu challengen.

Gehversuche im privaten Umfeld

Anders als im öffentlichen Leben, sind wir im privaten Umfeld derzeit noch weitgehend uns selbst überlassen. In der Schweiz wurde vor einigen Wochen ein hochrangiger Entscheidungsträger des Gesundheitswesens in den Zeitungen mit so ungefähr der Aussage zitiert, Grosseltern dürften ihre Enkel nun wieder umarmen - aber nicht zu lange. Aha. Im Übrigen herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Dürfen wir Freunde und Familie, die nicht im selben Haushalt leben, jetzt wieder treffen? Und wo? Zuhause? In der Öffentlichkeit? Und wer ist eigentlich dafür zuständig, uns das zu erlauben? Eine Behörde? Oder entscheiden wir das selbst? Und selbst wenn es uns nun behördlich gestattet wird, unsere Freude wieder zu treffen - was dann? Trauen wir uns dann auch??? Und selbst wenn WIR mutig genug sind - was ist mit den anderen? Können wir uns unseren Freunden und unserer Familie schon zumuten? Wie werden die Gäste, die wir einladen möchten, reagieren? Wie reagieren sie, wenn wir ein Essen zu viert im Restaurant vorschlagen (in der Schweiz ab dieser Woche erlaubt)? Würden sie auch zu uns nach Hause kommen? Oder wir zu ihnen?


Vertrauen als Grundvoraussetzung für die Überwindung dieser Krise

Gerade die Fragen zum privaten Lebenskreis zeigen, dass es relativ einfach war, den Lockdown anzuordnen, dass es jedoch sehr schwierig ist, aus dieser Situation wieder herauszufinden. Und da kann uns wohl auch keine Behörde helfen. Letztlich wird jede*r einzelne für sich klären müssen, wieviel Vertrauen er/sie in sich selbst hat, in die Resistenz und Abwehrkraft des eigenen Körpers, und wieviel Vertrauen er/sie in die Menschen im Umfeld hat - im Freundeskreis, in der Familie, beim Einkaufen, im öffentlichen Verkehr, im Arbeitsumfeld. Vertrauen kann man nicht verordnen. Vertrauen muss jede*r in sich selbst finden. Und gemeint ist hier nicht „blindes Vertrauen“, sondern Vertrauen, das sich auf besonnenes Abwägen der eigenen Risiken unter Berücksichtigung der aktuell zur Verfügung stehenden Informationen gründet.


Risiken minimieren

[Achtung, unaufgeforderte Werbung] Auch wenn es uns in der gegenwärtigen Situation manchmal anders erscheint, haben wir dennoch Möglichkeiten, die eigenen Risiken zu minimieren. An vorderster Stelle sei hier die Stärkung und Verbesserung der Abwehrkraft des eigenen Körpers genannt. Jede*r von uns kann den eigenen Gesundheitszustand mit einem angepassten Lebensstil verbessern, gerade wenn man Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes hat. Das ist ein Faktor, den wir selbst in der Hand haben. Diese Erkenntnis stammt im Übrigen nicht von mir, sondern von einem Arzt aus Zug, der hierzu ein sehr aufschlussreiches Interview mit konkreten Tipps gegeben hat (Interview vom 15. April 2020 mit Hong Phan, zu finden auf Facebook auf der Seite von „Zug Regional“).

Ein zweiter wichtiger Aspekt der Risikominimierung ist, sich mit unseren Ängste zu befassen: Ist da etwas, wovor ich Angst habe? Was ist das genau? Ist die Angst berechtigt oder irrational? Woher kommt sie? Wovor will sie mich bewahren? Kann ich etwas tun, um mit dieser Angst besser umgehen zu können? Inwieweit ist es sinnvoll, auf meine berechtigte Angst zu hören (z.B. Menschenansammlungen fernzubleiben)? Und wo veranlasst mich eine irrationale Angst möglicherweise zu leichtfertigem Verhalten (z.B. die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes dazu, auch mit Krankheitssymptomen zur Arbeit zu gehen)?

Gerade in Zeiten wie diesen lohnt es sich, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen. Denn Angst ist nicht nur kein guter Ratgeber - Angst schwächt auch unser Immunsystem. Es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass die Ausschüttung von Stresshormonen, die der Körper in Reaktion auf das Gefühl von Angst veranlasst, die Ressourcen unseres Körpers auf 3 Modi reduziert: Flucht, Kampf oder Totstellen („flight, fight or freeze“). Befinden wir uns dauerhaft in einem Zustand der Angst, leben wir, als wäre ununterbrochen ein Säbelzahntiger hinter uns her. Unser System ist ständig vollgepumpt mit Adrenalin, und dies wiederum blockiert unser Denken (Tunnelblick statt 360°) und vor allem die Immunabwehr- und Regenerationsfähigkeit unseres Körpers. Wer über diese Zusammenhänge mehr nachlesen möchte, dem/der empfehle ich die Bücher von Dr. Joe Dispenza (zu finden über jede Buchhandlung, offline und online).


Meine persönliche Überzeugung …

… ist: wenn wir einen guten Umgang mit unserem inneren „Panik-Dino“ finden und uns verantwortungsbewusst um unsere Gesundheit kümmern, dann sind die meisten von uns dem Corona-Virus nicht hilflos ausgeliefert. Indem wir wieder Vertrauen in uns finden, können wir nicht nur etwas Gutes für uns tun. Wir können damit auch in unserem Einflussbereich einen elementaren Beitrag leisten, das Vertrauen in unserer Gesellschaft wiederherzustellen und diese Krise als Gemeinschaft zu überwinden.

Und was wir gerade in puncto Vertrauen auch nicht vergessen sollten: der weit überwiegende Teil der Bevölkerung Europas hatte und hat nach wie vor keinen Kontakt zum Corona-Virus.

Alles Liebe von

Karin



Sonderaktion: Mentale Fitness in Krisenzeiten


Nach wie vor finden Coachings nur online und auf Spendenbasis statt, d.h. du bezahlst, was dir die Coaching-Session wert ist. Die Hälfte der Einnahmen aus dieser Aktion gehen an eine Organisation, die freiberuflich Kunst- und Kulturschaffende unterstützt, die während des derzeitigen Shutdowns in finanzielle Engpässe geraten sind.

Info: Empfängerin war die Schweizerische Stiftung für die Förderung und Unterstützung von Berufsmusikerinnen und Berufsmusikern des Schweizerischen Musikerverbands (smv). Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen!


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© 2020 Dr. Karin Amberg