• Karin

# 23 Toleranz in Zeiten der Krise


Es sind jetzt schon ein paar Wochen, in denen die staatlichen Massnahmen zum Gesundheitsschutz unser Leben bestimmen. Nach einer für mein Empfinden relativ kurzen Phase des Schocks, der mit den plötzlichen Beschränkungen und Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten einherging, haben sich die Allermeisten von uns recht schnell in der Ausnahmesituation eingefunden. Und so stellte sich binnen weniger Tage ein Gefühl des Zusammenhalts ein, ein solidarisches Wir-Gefühl, das geprägt war von dem Bewusstsein, dass wir alle in derselben Lage sind und diese auch gemeinsam meistern müssen.

Krisenkoller?

Inzwischen hat es für mich den Anschein, als würde der anfängliche Gemeinschaftssinn - oder war es womöglich Kriseneuphorie? - einem anderen Phänomen weichen. Je länger der Ausnahmezustand andauert, desto mehr wird sich gegenseitig beäugt, wer es denn nun in dieser Krise womöglich besser hat als die anderen, wer einen wirklichen Grund zum Jammern hat und wer nicht, wer sich auf hohem Niveau beklagt und deshalb besser gleich schweigen sollte. In privaten Gesprächen wie in der öffentlichen Diskussion ist wahrzunehmen, wie die Situation der im Homeoffice als Teilzeit-Lehrer geforderten Eltern gegen die Situation der alleinstehend oder kinderlos Lebenden abgewogen wird. Wie die Situation der Menschen, die für uns alle in der Grundversorgung tätig sind, gegen die Situation derjenigen, die zum Zuhause bleiben aufgefordert sind, in Stellung gebracht wird. In der die Situation der Kleinunternehmen und Selbständigen, die vom Lockdown in ungeahntem Ausmass wirtschaftlich betroffen sind, all jene verstummen lässt, die sich glücklich schätzen dürfen, mit einem gesicherten Einkommen auch diese Zeit durchstehen zu können. Möglicherweise ist dies ein typisches Anzeichen für einen Krisenkoller, den vermutlich jede*r von uns irgendwann bekommt. Die Frage ist nur: bringt uns das weiter?


Wir sitzen alle im selben Bus …

… aber nicht alle auf demselben Platz. So wie jeder von uns vor der Krise sein eigenes Leben gelebt hat, mit - wenn man so will - individuellen Vor- und Nachteilen, so ist jede von uns auch in ihrer eigenen Situation mit der Krise konfrontiert. In diesem Bus, in dem wir alle gemeinsam sitzen und die Krise durchleben müssen, sitzt jeder auf seinem eigenen Platz. Und jede ist mit ihren eigenen individuellen Herausforderungen in dieser Krise konfrontiert. Da gibt es Grosseltern, die sich damit auseinandersetzen müssen, ihre Enkel über Wochen nicht zu sehen und deren soziale Aktivitäten weitestgehend brach liegen. Alleinstehende Senioren, denen die Aussicht darauf, täglich viele Stunden alleine zuhause zu sitzen, Angst macht. Es gibt Ärztinnen, Ärzte und Pfleger*innen, die an den Realitäten des Gesundheitssystems verzweifeln und nicht wissen, welche Entscheidungen morgen getroffen werden müssen und ob sie dem noch gewachsen sind. Es gibt Singles, denen nach 4 Wochen Homeoffice und Abstandsgebot die Decke auf den Kopf fällt. Es gibt Ehepaare, die aus dem Streiten nicht mehr herauskommen, weil sie das dichte Aufeinandersitzen schlicht überfordert. Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern und dem geforderten Homeschooling-Engagement technisch und nervlich an ihre Grenzen kommen. Es gibt Ladenbesitzer*innen, die nicht wissen, ob und wie sie die Krise wirtschaftlich überleben. Es gibt Anwälte, deren Business Case von heute auf morgen zusammengebrochen ist. Und es gibt Anwälte, die gerade täglich 24 Stunden durcharbeiten könnten, um die rechtlichen Auswirkungen der Krise für ihre Mandantschaft in halbwegs geordnete Bahnen zu bringen. Es gibt Menschen mit schweren Krankheiten jenseits von Corona, die eine medizinische Behandlung benötigen und jetzt aus Angst vor Ansteckung um ihr Leben bangen. Und es gibt jede Menge Menschen, die die Krise für sich als Chance definiert haben und nun dabei sind, ihre bisherige Lebenssituation zu überdenken und neue Wege auszuprobieren. Und ja, dies sind nur einige wenige Beispiele für Lebenssituationen in Zentraleuropa und wir sind uns alle bewusst, dass es in diesem weltweiten Bus auch noch ganz andere Plätze gibt. Plätze ohne Nackenstütze, Airbag und Sicherheitsgurt.

Gegenseitige Anerkennung

Wenn wir diese Krise auch als Gemeinschaft gut durchstehen wollen, bringt es uns jedoch nicht weiter, wenn wir gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Es bringt uns auch nicht weiter, wenn Mitglieder unserer Gesellschaft versuchen, ihre Sorgen und Nöte wegzudrücken, weil diese von anderen als „nicht wichtig“ herabgestuft werden. Was uns jedoch individuell und auch als Kollektiv weiterbringt, ist, wenn sich jede*r mit seiner/ihrer Situation auseinandersetzt, die damit verbundenen Sorgen, Ängste und Nöte ansieht, bearbeitet und dann Schritt für Schritt die Herausforderungen meistert, die sich ihm/ihr jetzt in der individuellen Situation in den Weg stellen. Wenn jede*r mehr und mehr Klarheit findet in Bezug auf die eigene Situation, wird die Basis dafür geschaffen, auch die Situation des anderen sehen und anerkennen zu können. Um hineinfühlen zu können, wie es dem anderen geht. Erst wenn wir uns selbst und den anderen anerkennen, ihm/ihr das Recht zuerkennen, seine/ihre Herausforderungen zu benennen und wir diese nicht mehr kleinreden, entstehen Toleranz, Mitgefühl und Solidarität. Um im Bild der Busfahrt zu bleiben: Natürlich sitzt dann immer noch jede*r auf seinem/ihren Platz in diesem Bus. Aber dann beginnen wir, unsere Sitznachbarn zu sehen, uns links, rechts, vorne und hinten zu unterhalten, geben Wasserflaschen weiter und leihen auch mal eine Decke aus. In diesem Sinne: lasst uns aufhören, uns gegeneinander auszuspielen. Jede Person ist gleich wichtig für unsere Gemeinschaft.


Alles Liebe von

Karin


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Auch über den 19. April 2020 hinaus finden Coachings ausschliesslich online und auf Spendenbasis statt, d.h. du bezahlt, was dir die Coaching-Session wert ist. Die Hälfte der Einnahmen aus dieser Aktion werde ich an eine Organisation spenden, die freiberuflich Kunst- und Kulturschaffende unterstützt, die während des derzeitigen Shutdowns in finanzielle Engpässe geraten.


Info: Empfängerin war die Schweizerische Stiftung für die Förderung und Unterstützung von Berufsmusikerinnen und Berufsmusikern des Schweizerischen Musikerverbands (smv). Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen!


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© 2020 Dr. Karin Amberg