• Karin

# 22 Über den Umgang mit der Corona-Krise auf Coaching-Art

Der Corona-Virus fordert uns derzeit in einer Form heraus, die von vielen Menschen als Gratwanderung erlebt wird. Angesichts der sich täglich ändernden Situation mit Schulschliessungen, Grenzschliessungen, dem Shutdown des öffentlichen Lebens etc. und der damit einhergehenden kollektiven Krisenstimmung suchen viele Menschen derzeit nach der richtigen Balance zwischen Gelassenheit, die nicht Ignoranz ist, und Vernunft, welche nicht von Angst und Panikmacherei geprägt ist. Wir sind gefordert, berechtigte Sorgen von unberechtigter Panik zu unterscheiden und unser Leben zu leben, ohne uns von Sorgen und anderen belastenden Emotionen überwältigen zu lassen. Und auch wenn es dafür kein „one size fits all“-Rezept gibt, gibt es im Coaching dennoch ein Tool, welches uns dabei helfen kann, mit schwierigen und herausfordernden Situationen, wie aktuell dem Corona-Shutdown, besser umzugehen.


Haltung reflektieren mit dem Coaching-Dreieck

Im lösungsorientierten Coaching, das an der Dr. Bock Coaching Akademie gelehrt wird, gibt es ein wunderbares Tool zur Reflektion der eigenen Haltung gegenüber einer Situation. Es handelt sich um das sog. Coaching-Dreieck, das von Dr. Petra Bock auf der Basis des Transaktionsdreiecks der Transaktionsanalyse entwickelt wurde (vgl. Bock, Mindfuck - Das Coaching, 2013, S. 84). Das Coaching-Dreieck verbildlicht die drei typischen inneren Haltungen, die in jedem und jeder von uns angelegt sind und aus denen heraus wir den unterschiedlichen Situationen unseres Lebens begegnen können: die Haltung des Kind-Ichs, die Haltung des Eltern-Ichs, und die Haltung des Erwachsenen-Ichs.

Quelle: Eigene Skizze gemäss Bock, Mindfuck - Das Coaching, 2013, S. 83 ff.


Dabei steht das Erwachsenen-Ich nicht zufällig an der Spitze des Dreiecks. Es symbolisiert die Haltung des in Balance befindlichen, selbstwirksamen erwachsenen Menschen, der in der Lage ist, auch mit schwierigen Herausforderungen gut umzugehen. Die Haltung der gestandenen erwachsenen Person, die anstehende Entscheidungen mit der gebotenen Besonnenheit verantwortungsvoll trifft und sich situationsangemessen verhält. Geraten wir aus der Balance, kann es sein, dass wir unter die „Wasseroberfläche“ - symbolhaft dargestellt durch die gestrichelte Linie - abrutschen, entweder in die Haltung des Kind-Ichs oder des Eltern-Ichs hinein. Aus der Haltung des Kind-Ichs heraus reagieren wir entweder trotzig, zornig und beleidigt (aggressive Variante des Kind-Ichs), oder wir reagieren aus dem Gefühl der Ohnmacht, Hilflosigkeit, Überforderung heraus, gehen in die Angst, jammern, machen uns klein oder abhängig und ordnen uns unter (depressive Variante des Kind-Ichs). Auch im Eltern-Ich kommen diese beiden Ausprägungen vor. Im Eltern-Ich reagieren wir entweder überaus streng, bewertend, antreibend, dominant, von oben herab oder geben vor, alles unter Kontrolle zu haben (sog. aggressives Eltern-Ich), oder hingegen überfürsorglich, überbehütend, bemutternd und beschützend (sog. depressives Eltern-Ich). (Vgl. dazu Bock, Mindfuck - Das Coaching, 2013, S. 84 ff. sowie Bock, Mindfuck, 2011, S. 37, 85 ff.).


Unterwasserballett

Um es nochmals zu betonen: diese drei Haltungen sind in jedem/jeder von uns angelegt und ausserhalb von Stress- und Krisenzeiten agieren wir auch mehrheitlich und ganz automatisch aus der Haltung des Erwachsenen-Ichs heraus. Dies kann sich jedoch schnell ändern, wenn wir besonderen Herausforderungen, Druck-, Stress- oder Krisensituationen gegenüberstehen. Je nach dem, wie uns eine Situation triggert und welche Persönlichkeitsstruktur wir aufweisen, neigen wir dazu, typbedingt entweder in eine der Varianten des Kind-Ichs oder des Eltern-Ichs abzurutschen. Petra Bock bezeichnet diesen Zustand auch als „Unterwasserballet tanzen“ (vgl. Bock, Mindfuck Love, 2014, S. 39).

Für die überwiegende Mehrheit von uns gilt, dass wir sehr schnell einordnen können, aus welcher Haltung heraus wir gerade auf ein Thema blicken. Und wie oft im Leben gilt auch hier, dass wir unsere Haltung sehr schnell ändern können, wenn wir uns erst einmal bewusst gemacht haben, wo wir uns in diesem Dreieck angesichts einer bestimmten Situation gerade befinden. Haben wir erkannt, mit welcher Variante des Unterwasserballetts wir uns gerade das Leben schwer machen, können wir jederzeit wieder in die Haltung des Erwachsenen-Ichs zurückkehren.


Rückkehr ins Erwachsenen-Ich

Um ins Erwachsenen-Ich zurückzukehren, genügt es oft schon sich zu fragen, was ich denken, fühlen und tun würde, wenn ich die Situation mit Herz und Verstand aus der Perspektive der gestandenen erwachsenen Person betrachte, die ich eigentlich bin (vgl. Bock, Mindfuck, 2011, S. 171). Mir persönlich hilft es sehr mich dabei auch zu fragen, welche Entscheidung, welches Denken, Fühlen und Handeln, heute und längerfristig meine Lebensqualität erhöhen würde. Natürlich stecken hinter dem Konzept der Lebensqualität wiederum Werte und Überzeugungen, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt sind. Der eine legt besonderen Wert auf materielle Sicherheit, für die andere bedeutet Lebensqualität vor allem Gesundheit und Wohlbefinden. Für manche bedeutet Lebensqualität individuelle Freiheit, für andere steht ein starkes funktionierendes soziales Netz im Vordergrund. Was Lebensqualität bedeutet, definiert jede/r für sich selbst. Wenn wir die Lebensqualität jedoch zum Masstab unserer Entscheidungen machen, ergeben sich häufig neue Perspektiven und Handlungsalternativen, die uns im Unterwasserballett verborgen waren (vgl. auch Bock, Mindfuck, 2011, S. 182 ff.).


Wie hilft uns das in der Krise?

Wie eingangs dargestellt, können uns herausfordernde Situationen wie die derzeitige Corona-Krise, schnell an unsere Grenzen bringen. Wir sind gefordert, uns aktuell täglich auf neue Abläufe, Regeln und Massnahmen einzustellen, ohne zu wissen, wie lange diese gelten, wann und ob die gewünschten Effekte eintreten. Für uns Menschen, die wir gewohnte Abläufe schätzen und Veränderungen meist nicht mit offenen Armen willkommen heissen, ist dies eine gewaltige Herausforderung. Aus meiner Sicht hilft es dabei sehr, wenn wir angesichts neuer Erkenntnisse, Informationen und Sachverhalte immer wieder auf Distanz gehen und uns fragen, wie wir aus der Haltung des Erwachsenen-Ichs heraus besonnen und verantwortungsvoll, zum eigenen Wohl und zum Wohle unserer Mitmenschen mit der Situation umgehen können. Die Frage zu stellen, bedeutet, unseren Verstand auf die Suche nach Antworten zu schicken, die eine neue Sicht auf die Situation ermöglichen und vielleicht auch Handlungs- und Verhaltensspielräume erkennen lassen, die wir zunächst gar nicht gesehen haben.


Alles Liebe von

Karin


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Sonderaktion: Mentale Fitness in Krisenzeiten

Bis und mit 19. April 2020 finden Coachings ausschliesslich online und auf Spendenbasis statt, d.h. du bezahlt, was dir die Coaching-Session wert ist. Die Hälfte der Einnahmen aus dieser Aktion werde ich an eine Organisation spenden, die freiberuflich Kunst- und Kulturschaffende unterstützt, die während des derzeitigen Shutdowns in finanzielle Engpässe geraten. Info: Empfängerin war die Schweizerische Stiftung für die Förderung und Unterstützung von Berufsmusikerinnen und Berufsmusikern des Schweizerischen Musikerverbands (smv). Vielen Dank an alle Teilnehmer*innen!



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© 2020 Dr. Karin Amberg