• Karin

# 17 Geschüttelt und gerührt


Mehrere Wochen war es hier sehr ruhig. Das hatte auch einen Grund. Und auch wenn dieser Grund an sich eine freudige Sache ist, wurde mein Leben dadurch ordentlich auf den Kopf gestellt. Es ist kein Geheimnis, wir bekommen Nachwuchs. Die Nachricht traf uns unerwartet. Und schon nahm die Change-Kurve volle Fahrt auf.


Die Change-Kurve

Die Change-Kurve ist ein Modell, das versucht darzustellen, wie Menschen auf Veränderungen reagieren. Das Modell wurde ursprünglich von Elizabeth Kübler-Ross entwickelt und beschreibt das emotionale Erleben von Veränderungsprozessen, insbesondere im Business-Kontext. Wie man heute weiss, werden die Phasen der Change-Kurve nicht nur in Veränderungsprozessen der Geschäftswelt durchschritten, sondern auch im Privatleben. Und wie sich auch gezeigt hat, spielt es keine Rolle, ob der Auslöser der Veränderung positiv oder negativ ist. Es reicht aus, dass das Gewohnheitstier Mensch mit einer Veränderung konfrontiert ist. Veränderungen mag er nämlich gar nicht, der homo sapiens. Und schon sind wir mitten im Geschehen.


Phase 1: Schock

Leben heisst Veränderung. Aber jede Veränderung ist emotional erst einmal ein Schock. Je grösser die anstehenden Veränderungen, je massiver die Auswirkungen des eingetretenen Ereignisses, desto schwerer ist der Schock. So ein Auslöser kann so ziemlich alles sein: das Kündigungsschreiben der Vermieterin, ein Heiratsantrag, ein Millionengewinn im Lotto, die Diagnose einer schweren Krankheit oder eben ein positiver Schwangerschaftstest.


Phase 2: Verleugnung/Ablehnung

Auf den Moment des Schocks folgt die Phase der Verleugnung. Man redet sich ein, dass die Eigenbedarfskündigung eh vor keinem Gericht der Welt Bestand hat, dass die eigene Heirat im Gegensatz zu der von allen anderen von der Planung bis zur Durchführung völlig entspannt über die Bühne geht, dass trotz Lottogewinn erstmal alles gleich bleibt, dass das Laborergebnis sicherlich vertauscht wurde und dass der zweite Strich auf dem Schwangerschaftstest eh nur ganz blass und deshalb nicht aussagekräftig ist. Ergo: Alles bleibt wie es ist. Eh klar. Von Veränderungsbereitschaft keine Spur.


Phase 3: Rationale Akzeptanz/Frustration

Auf das Verleugnen folgt eine Phase, in der zumeist auch noch keine Veränderungsbereitschaft vorhanden ist, in der man sich aber den ersten, meist frustrierenden Erkenntnissen nicht mehr verschliessen kann. In welcher der Verstand realisiert, dass man wohl doch besser mit der Suche nach einer neuen Wohnung beginnt, eine Heirat je nach Ausgestaltung ein logistisch-organisatorischer Kraftakt ist, der einen finanziell und nervlich an den Rande des Wahnsinns treiben kann, dass der Lottogewinn das Leben nicht nur vereinfacht (Stichwort: Finanzkompetenz), man sich wohl weiteren Untersuchungen stellen muss, und dass schon zu Beginn der Schwangerschaft nicht mehr alles so ist wie zuvor (morgendliche Übelkeit statt meditativer Morgenroutine; und so langsam dämmert auch schon die Vermutung, dass die Zeiten, in denen wir mit Leichtigkeit eine gleichberechtigte Partnerschaft geführt haben, für einige Zeit dahin sein könnten). In dieser Phase geht es nicht darum, schon für jedes Problem eine Lösung zu haben. In dieser Phase geht es darum, erst einmal die Erkenntnis an sich ran zu lassen, dass sich was ändert und was das denn nun sein könnte. In dieser Phase gehen Energielevel und Handlungsmotivation typischerweise nach unten, da man hier meist mehr Probleme als Lösungen sieht. Manchmal scheint es in dieser Phase so, also brächte jede Herausforderung, die man so halbwegs zu akzeptieren bereit ist, 10 weitere Folgeprobleme mit sich. Wie eine dieser russischen Holzpuppen, in der sich immer noch eine und noch eine versteckt …


Phase 4: Tal der Tränen/emotionale Akzeptanz

Und früher oder später kommt er dann, der Tiefpunkt, das Tal der Tränen. Typischerweise kann man nicht vorhersehen, wann man an diesem Punkt ankommt. Man erkennt ihn aber in der Rückschau. Es ist der Moment, an dem man die anstehende Veränderung nicht nur vom Verstand her, sondern auch emotional akzeptiert hat. Der Punkt, an dem man die Situation voll und ganz angenommen hat, so wie sie ist. In ihrer vollen Breite, mit allen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Ohne wünsch-dir-was und was-wäre-wenn, sondern voll und ganz so-isses. Denn genau an dem Punkt, an dem wir die Realität auf der Verstandesebene und zugleich auf der Herzensebene so annehmen wie sie ist, werden wir wieder handlungsfähig. Erst wenn wir voll und ganz akzeptieren, dass ein Umzug möglicherweise auch eine Änderung der Lebensgewohnheiten bedingt, eine Heirat nicht nur romantisch ist, ein Millionengewinn neue Finanzkompetenzen erfordert, eine herausfordernde medizinische Behandlung in Angriff genommen werden muss, man sich wegen des Nachwuchses neu sortieren muss, erst dann fangen wir an die Fragen zu stellen, die unser Gehirn auf die Suche nach möglichen Lösungen schicken.


Phase 5: Ausprobieren/Trial & Error

Auf den Tiefpunkt folgt ganz natürlich die Phase des Ausprobierens, in der wir erste Ideen testen und Optionen prüfen. In der wir die ersten Wohnungen anschauen gehen und feststellen, was wirklich gar nicht geht. In der wir Hochzeitslocations besichtigen und lernen, dass man nur weil es sich um eine Hochzeit handelt, schnell mal das 3fache für eine Dienstleistung bezahlt, wenn man nicht aufpasst. In der wir die ersten Gehversuche mit dem Millionengewinn unternehmen und auf die Nase fallen. In der Therapieansätze erst vielversprechend aussehen und dann doch fehlschlagen. In der man erste Varianten einer künftig familiären Aufgabenteilung durchspielt und dabei schon merkt, dass manches nicht so ohne weiteres funktioniert. Aber eben, es heisst ja trial & error, also probieren wir weiter aus und suchen danach, was wohl funktionieren könnte.


Phase 6: Erkenntnis

Genau aus diesen Rückschlägen der Trial & Error Phase ziehen wir jedoch wichtige Erkenntnisse. Wir stellen fest, wie wir weitermachen möchten und was uns stärkt - und manchmal noch wichtiger: was wir nicht möchten. Durch das Ausprobieren, Anschauen, Abwägen erkennen wir, was uns wirklich wichtig ist und an welchen Stellen wir zu Abschlägen bereit sind. Was für uns eine Wohnung zu einem Zuhause macht. Worauf es uns bei einer Hochzeitslocation besonders ankommt und welche ursprünglich als unabdingbar eingestuften Kriterien letztlich doch nebensächlich sind. Wie wir mit einem Millionengewinn unsere Lebensfreude wirklich auf finanziell nachhaltige Weise steigern können. Wir probieren aus, welche Therapieangebote für uns die richtigen sind und loten die unterschiedlichen Familienmodelle aus um herauszufinden, wie wir uns ein Leben als Familie vorstellen können.


Phase 7: Integration

Diese Erkenntnisse lassen uns wachsen und bringen uns weiter, zu neuen Erkenntnissen, Erfahrungen und Erlebnissen. Das Gefühl der Sicherheit hält wieder Einzug und wir empfinden die veränderten Umstände mehr und mehr als unsere neue Normalität. Wir finden uns unter den veränderten Umstände zurecht und können rückblickend feststellen, dass wir unsere Komfortzone womöglich ganz erheblich ausgeweitet haben. Gerade weil wir uns den Herausforderungen gestellt haben, sind wir an unseren Erfahrungen und Erkenntnissen gewachsen. Stronger than before.


Und was machen wir jetzt damit?

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Change-Kurve sind für mich:

  • Wir können uns diesem Prozess nicht entziehen. Egal ob der Auslöser eine gute oder schlechte Nachricht ist, der Prozess nimmt seinen Lauf und er verläuft stets in denselben Phasen. Manchmal schneller, manchmal langsamer, manchmal mit geringeren Ausschlägen.

  • Wir befinden uns in aller Regel nicht in nur einem Change-Prozess. Während wir vielleicht mit einem beruflichen Thema gerade noch in der Ablehnungs-Phase stecken, befinden wir uns zeitgleich mit einem Beziehungsthema bereits in der Phase des Ausprobierens. Auch innerhalb eines Themenfelds wie Beruf, Beziehung, Gesundheit, Lebensstil etc. können parallel mehrere Change-Prozesse ablaufen, die unterschiedliche Teilaspekte eines Themas betreffen.

  • Die gute Nachricht: Wir können darauf vertrauen, durch den Prozess durchzukommen. Auch wenn es sich manchmal anfühlt, als würden wir eine halbe Ewigkeit auf der Stelle treten, kommt irgendwann der Tag, an dem diese Phase in die nächste Phase übergeht. Wir Menschen besitzen die schier grenzenlose Fähigkeit, Veränderungen anzunehmen und in unser Leben zu integrieren. Das bedeutet nicht, dass uns dies immer perfekt gelingt. Aber auch diese Erkenntnis ist nur ein Mosaikstein auf dem Weg unserer Weiterentwicklung.


Alles Liebe von

Karin


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