• Karin

# 15 Selbstfürsorge


Jetzt mal unter uns. Neuerdings hört und liest mal ja viel über Selbstliebe und Selbstfürsorge, über das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse und das dafür einstehen. Lange Zeit habe ich mir das angeschaut und mich gefragt, wovon die da eigentlich reden und schreiben. Inzwischen bin ich der Sache etwas näher gekommen. Selbstfürsorge bedeutet für mich bis auf weiteres, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es mir selber richtig gut geht.


Selbstverantwortung

Da wären wir schon beim ersten wichtigen Punkt. Irgendwann habe ich verstanden, dass der einzige Mensch, der mich glücklich und zufrieden machen kann, ich selbst bin. Und weil nur ich das kann, trage ich auch selbst die Verantwortung dafür, dies zu tun. Ich muss mich jetzt aber nicht gleich schlecht fühlen oder mir Druck machen, wenn ich einmal grantig und unzufrieden bin. Ich darf auch schlecht drauf sein. Aber eben in dem Wissen, dass das meine Wahl ist, dass ich niemand anderen für meine Stimmung verantwortlich mach kann und dass ich selbst dafür zuständig bin, diesen Zustand zu ändern. Mir persönlich gibt das sehr viel Freiheit und Unabhängigkeit. Da können die anderen nämlich drauf sein wie sie wollen - ich selbst treffe die Wahl, in welcher Gemütslage ich mich befinde und ob es allenfalls Zeit ist, daran etwas zu ändern.


Selbstfürsorge bis zum Umfallen

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie das nun also gehen soll mit dieser Selbstfürsorge. Es wird einem allerorten ja vieles vorgeschlagen: eine Morgenroutine entwickeln (Yoga, Meditation, Journaling; oder wenns a bisserl ayurvedisch sein darf: Öl ziehen, Zunge schaben, Zähneputzen, warmes Ingwer-Zitronen-Wasser trinken), Lesen, Sport machen, Zeit in der Natur verbringen, sich kreativ betätigen, heisse Schokolade trinken, alles was „hygge“ ist (da freuen sich die Freunde des Nordens und die andern googeln), ein heisses Bad nehmen, eine Abendroutine entwickeln usw usw. Ganz ehrlich? Alle diese Posten abzuarbeiten kann ganz schön in Stress ausarten und sich auf einmal gar nicht mehr selbstfürsorglich anfühlen. Im Grunde gehts noch viel einfacher. Im Kern geht es darum, sich immer wieder die Frage zu stellen, was genau mir jetzt in diesem Moment gut tun würde.


Was würde mir jetzt gut tun?

Die Frage zu stellen bedeutet nicht unbedingt, darauf auch sofort eine Antwort zu finden. Machmal haben wir uns die Frage schon so lange nicht mehr gestellt, dass unsere Wahrnehmungsantennen etwas angerostet sind. Und dann kann es etwas dauern, bis eine Antwort kommt.

Oder es kommt eine und später stellen wir fest, dass die Antwort zwar nicht ganz verkehrt, aber auch nicht ganz richtig war. Oder für jemanden anderen besser passt. Für meinen Mann passt zum Beispiel am Sonntag das Rausgehen in die Natur und das Wandern sehr oft sehr gut und es gilt ja auch gemeinhin als gesund. Für mich, die ich gefühlt wie eine Kanonenkugel durch die Woche schiesse, passt am Sonntag aber oft das Drinbleiben, runterfahren und die Decke über den Kopf ziehen viel besser. Es kann dann schon sein, dass ich mit in die Berge komme, weil sich die Vorstellung, gemeinsam in die Berge zu gehen, sich zu bewegen, auf neue Gedanken zu kommen und sich wieder einmal über ganz andere Dinge zu unterhalten, sehr gut anfühlt. Aber es gibt die Tage, da stimmt das für mich nur zu 80% und meine 100% wären ein Gammeltag zuhause. Es gibt aber Tage, da sind die 80% in Kombination mit dem Effekt, den der Ausflug für unsere Beziehung hat, die wahren 100%. Und da sind wir wieder bei den zwei wichtigen Stellschrauben der Selbstverantwortung und der Selbstwahrnehmung: es ist „mein Business“, dass ich wahrnehme, was mir jetzt gut tut - we-time oder me-time - und wie das dann aussehen könnte.


Selbstfürsorge in der Arbeit

Selbstfürsorge ist im Übrigen nicht nur ein Freizeit-Thema. Natürlich kann man in der Freizeit andere Selbstfürsorge-Aktivitäten starten. Aber es geht auch darum, innerhalb der Rahmenbedingungen des jeweiligen Jobs ein Auge auf die eigenen Bedürfnisse zu haben. Brauch ich gerade eine Pause? Was brauch ich, um das bevorstehende schwierige Meeting bestmöglich zu überstehen? Wie gehts meinem Körper? Brauch ich kurz mal Bewegung oder frische Luft? Hab ich noch die Kraft für Überstunden? Oder wenn es eben mal nicht anders geht: Was täte mir jetzt gut, um die bevorstehenden Überstunden trotz schwindender Energie bestmöglich zu meistern? Beruflich engagierte Menschen, die sich solche Fragen regelmässig stellen, danach handeln und eine solche Kultur auch in ihrem Team fördern, sind aus meiner Sicht langfristig erfolgreicher. Sie bewahren sich davor, völlig auszubrennen, und kommen besser durch Durststrecken.


Übung macht den Meister

Wie so oft im Leben ist auch die Selbstfürsorge kein Selbstläufer. Manchmal vergisst man schlicht, wieder einmal in sich reinzuhören und kurz zu checken, wie der eigene Status ist. Manchmal deutet man die Signale falsch (mein Lieblings-Fail) oder man hat keine Idee, was einem nun gut täte. Es geht aber bei dieser Selbstfürsorge-Sache nicht darum, ab sofort immer alles richtig zu machen. Es geht darum, ein Gespür für sich zu entwickeln. Und mit sich selber freundlich und nachsichtig zu sein. In diesem Sinne: was würde dir genau jetzt in diesem Moment gut tun?


Alles Liebe von

Karin



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© 2020 Dr. Karin Amberg