• Karin

# 14 Ich weiss, was ich will ...


… sang Udo Jürgens im Jahr 1979. Das müssen ja Zeiten gewesen sein. In den man noch wusste, was man will. Im Coaching treffe ich regelmässig auf Menschen, die momentan nicht wissen, was sie wollen und wie es weitergehen soll: Wohnen in der Stadt oder auf dem Land, Karriere oder Familie, eigenes Business oder angestellt bleiben, heiraten oder nicht, Kinder ja oder nein. Die Liste liesse sich noch eine Weile fortsetzen.


„Sowohl-als auch“ statt „entweder-oder“?

Die genannten Beispiele waren jetzt allesamt aus der Kategorie „entweder-oder“. Heute hören wir aber oft, dass wir uns nicht mehr mit „entweder-oder“ begnügen müssten. Die Gegenwart stünde im Zeichen von „sowohl-als auch“: Sowohl Familie als auch Karriere, sowohl ein eigenes Business als auch angestellt sein. Sowohl auf dem Land leben als auch in 20 Minuten in der Innenstadt. Das klingt im ersten Moment nicht schlecht. Das klingt, als müssten wir uns nicht mehr entscheiden. Mitunter wird das Leben dadurch aber noch komplexer. Nun kommt es nämlich darauf an, das optimale „sowohl-als auch-Setting“ zu erschaffen, mit sowohl einem super Job als auch einer glücklichen Familie, mit sowohl einer tollen Karriere als auch einem disziplinierten Training für den nächsten Ironman. Wir leben ja nicht mehr in der vergleichsweise einfach strukturierten Welt der Nachkriegsgeneration, sondern in einer Welt, in der suggeriert wird, dass man alles erreichen kann, was man will. Und da sind wieder wieder am Ausgangspunkt gelandet. Was will ich eigentlich? Und hier sei erwähnt, dass sich manche Dinge eben nicht kombinieren lassen. Man kann auch nicht sowohl heiraten als auch unverheiratet bleiben. Es hilft also nix. Es gibt nach wie vor eine Reihe von Lebensfragen, bei denen wir eine Entscheidung treffen müssen.


Werte als Wegweiser für Entscheidungen

Vielfach hilft es bei der Entscheidungsfindung, sich mit den eigenen Werten und Grundhaltungen auseinanderzusetzen, die hinter den in uns widerstreitenden Positionen stehen. Jede*r von uns hat dieses innere Regelwerk aus Werten und Haltungen, dass uns in einer Entscheidungssituation unbewusst ein Bauchgefühl vermittelt. Meist versuchen wir dann, dieses Bauchgefühl mit dem Verstand zu „rationalisieren“. Das heisst, unser Verstand strebt mit seinen Pro- und Contra-Überlegungen danach, sachliche Argumente zu finden und logisch begründbare Positionen zu entwickeln, um das diffuse Gefühl in den Griff zu kriegen, das aus dem Bauch kommt. Das Bauchgefühl ist ja keine schlechte Sache. Wenn es uns in Entscheidungssituationen jedoch mehr verunsichert als nützt - vielleicht auch, weil wir nicht mehr richtig gewohnt sind, auf unser Bauchgefühl zu hören - dann kann es helfen, die darunter liegenden Werte und Grundhaltungen wieder einmal unter die Lupe zu nehmen.


Wertkonflikte

Einen Grossteil unserer Werte bekamen wir von unseren Erziehungspersonen vermittelt (Eltern, Verwandte, Nannys, Kindergarten, Schule usw.). Weitere Werte haben wir uns auf unserem Weg selbst angeeignet, über Freundschaften, Partnerschaften oder andere wichtige Personen aus dem Umfeld. Und nicht immer stehen diese Werte miteinander im Einklang. Nehmen wir zum Beispiel den klassischen Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Auch wenn deine persönliche Freiheit für dich ein hohes Gut ist, kann es sein, dass du gleichzeitig nicht auf die Sicherheit einer Lebenszeitverbeamtung verzichten möchtest. Oder Loyalität und Ehrgeiz: Wenn dir in deinem Berufsleben Loyalität sehr wichtig ist, kann es dennoch sein, dass du eines Tages an den Punkt kommst, an dem der nächste Karriereschritt nur möglich ist, wenn du die Loyalität zu deinem derzeitigen Team oder deiner bisherigen Firma zurückstellst und deinen Hut für eine neue Position in den Ring wirfst. Zudem ist keiner dieser Werte „absolut“. Es könnte beispielsweise sein, dass dir im beruflichen Kontext Freiheit und Unabhängigkeit sehr wichtig sind, dir aber in deiner Partnerschaft Treue und Verbundenheit sehr viel wichtiger sind.


Wertewandel

Werte können sich auch verändern. Weil wir uns verändern und weiterentwickeln. Es erscheint mir ganz normal, dass man mit 40 nicht mehr dieselben Werte hat wie mit 20. Es gibt da ja diesen berühmten Spruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn“ (die Netzwelt ist sich uneins, ob dieses Zitat nun Georges Clemenceau oder Winston Churchill zuzuschreiben ist). Mir fallen da auch weniger zitatträchtige Beispiele aus meinem eigenen Leben ein. Mit 20 war es mir wichtig, die an mich gestellten Erwartungen zu erfüllen. Diese Erwartungen kamen von aussen, von den Profs an der Uni, meinen Eltern und Grosseltern, Freunden oder den Männern, die ich interessant fand. Mit fast 40 ist es für mich sehr viel wichtiger, erst einmal mit mir selbst in Verbindung und im Reinen zu sein. Ich bedauere es nicht, dass ich mich mit 20 mehr im Aussen orientiert habe. Vermutlich war es auch einfach die Zeit im Leben, in der das normal ist. Immerhin: das Streben danach, die Erwartungen des Uni-Betriebs zu erfüllen, hat mir letztlich einen guten Abschluss und später tolle berufliche Möglichkeiten verschafft. Und möglicherweise kann ich es mir heute gerade deshalb erlauben, auch andere Prioritäten zu setzen, weil es mir gelungen ist, wichtige Punkte einer gedachten „Checkliste im Aussen“ abzuhaken. Wenn du auf dein eigenes Leben schaust, dann werden dir vermutlich auch einige Beispiele einfallen, an denen sich ein Wertewandel in deinem Leben ablesen lässt.


Und nun?

Was bedeutet das jetzt für unsere Entscheidungen und unser „Wissen was wir wollen“? Das Gute vorab: es ist völlig normal, dass wir uns von Zeit zu Zeit in einem solchen Dilemma befinden. So ist das Leben. Und gleichzeitig sind wir dem nicht ausgeliefert. Denn wir können unseren Verstand zur Ergründung unser Beweggründe und Motivationen nutzen. Wenn du vor einer schwierigen Entscheidung stehst, kannst du dir bewusst anschauen, welches innere Regelwerk aus Werten und Grundhaltungen im betreffenden Lebensbereich im Hintergrund am Wirken ist und in welchem Zusammenhang dies mit deinem inneren Konflikt steht. Und du kannst mit Hirn und Herz eine Wahl treffen, was für dich in genau diesem Lebensbereich in genau diesem Moment von Bedeutung ist. Manchmal gelingt das alleine, machmal gelingt das noch besser in einem Coaching.


Moving target

Und im Übrigen: nur weil du schon einmal wusstest, was du willst, heisst das nicht, dass du dich für immer daran festhalten lassen musst. Jede*r von uns hat das Recht, sich täglich neu zu erfinden. Da darf man sich auch mal umentscheiden. Denn aus meiner Sicht ist zu wissen, was man nicht will, mindestens genauso viel wert, wie zu wissen, was man will. Auch damit kommt man Schritt für Schritt dem näher, was einem wirklich wichtig ist.


Alles Liebe von Karin



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© 2020 Dr. Karin Amberg