• Karin

# 1 Verrückte Zeiten

Ich stelle immer öfter fest: Wir leben in total verrückten Zeiten. Wir sind ständig konfrontiert mit Anforderungen im Aussen, die kein Ende mehr nehmen. Termine, Erwartungen, Druck, ständige Verfügbarkeit - und das nicht nur im Arbeitsleben, sondern immer mehr auch in der Freizeit. Bei meinen Freunden erlebe ich es häufig, dass die nächsten 12 bis 14 Wochenenden schon voll verplant sind mit privaten Terminen. Und ganz automatisch werden die Zeitfenster für die Erholung, für die Partnerschaft, für die Familie und für Freundschaften immer kleiner. Schon gar nicht zu reden von der Zeit, die einem für die eigenen Interessen oder für das blosse Nichtstun bleibt.

Und inzwischen gibt es immer mehr Menschen, die in einem ehrlichen Moment gestehen, dass sie den Arbeitsalltag, trotz der hohen Schlagzahl, manchmal fast schon als entspannter erleben als die Freizeit. Im Job „nein“ zu sagen ist manchmal schon einfacher, als in der Freizeit, in der wir dazu neigen, den Emotionen der anderen mehr Bedeutung beizumessen als im Job. Im Job sind wir „professionell“, in der Freizeit sind wir Mensch.


Ändert sich das wieder?

Ich glaube es nicht. Weitere technische Neuerungen, neue berufliche Chancen, zunehmende finanzielle Freiräume und eine immer noch schnelllebigere Zeit mit immer noch mehr Gestaltungsmöglichkeiten zeigen klar in eine andere Richtung. „Langsamer“ wird das alles nicht mehr. Umso mehr kommt es darauf an, dass wir Strategien entwickeln, wie wir damit gut umgehen.

Vor einiger Zeit habe ich in einem Interview zu den Herausforderungen unserer Zeit den Satz gehört „we have to learn how to ride a lightning bolt“ (wir müssen lernen, wie man einen Blitz reitet). Ich weiss nicht mehr, wer das gesagt hat, aber der Satz ist bei mir hängen geblieben. Denn er macht klar, dass wir gefordert sind, selbst eine Strategie zu entwickeln, wie wir „oben bleiben“, wie wir uns auf dem Blitz festhalten können.

Das heisst aber auch: selbst wenn sich die Umstände nicht ändern, dann haben wir immer noch die Chance, bei uns selbst etwas zu ändern. Jede*r einzelne von uns hat die Chance, selbst eine Methode zu entwickeln, den Blitz zu reiten. Und vielleicht sogar auf eine Art und Weise, die zugleich mehr Lebensfreude und Entspannung bringt.


How to ride a lightning bolt

Aus meiner Sicht gibt es hierfür keine one-size-fits-all-Lösung. Jede*r ist aufgerufen, seine/ihre eigene individuelle Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Was bei den einen funktioniert (z.B. Sport), ist für die anderen nur ein zusätzlicher lästiger Termin. Während die einen sich gerne in den Bergen entspannen, gibt es für die anderen nichts erholsameres, als in Ruhe ein Buch zu lesen. Während die einen Yoga machen, laufen die anderen einen Marathon. Alles, was deine Akkus wieder auflädt, ist richtig. Wenn du mal wieder das Gefühl hast, vom Blitz abzurutschen, dann könntest du dich fragen: Was würde mir jetzt gut tun?


MeTime

Wenn dir auf diese Frage noch keine Antwort in den Sinn kommt, dann könntest du in der Zwischenzeit schon mal diese eine Strategie testen: MeTime - Zeit für mich.

Viele Menschen beklagen heute, dass sie keine Zeit mehr für sich haben. Zeit bekommt man aber nicht. Zeit muss man sich nehmen. Wenn du dir täglich 5, 10, 20 oder 30 Minuten nur für dich nimmst, dann wirst du schnell merken, wie dich das entspannt. Dabei spielt es keine Rolle, ob du in der Zeit Sport machst, liest, meditierst, einfach nur vor dich hin schaust, Tagebuch schreibst (neudeutsch: „journaling“). Es geht darum, dass du dir bewusst ein Zeitfenster nur für dich nimmst und hinterher in dem Bewusstsein weitermachst, dass du dir heute Zeit für dich genommen hast.


Manchmal braucht es gar nicht viel. Wichtiger als die Länge ist die Regelmässigkeit. Deshalb nehme ich mir lieber täglich 10 Minuten, als einmal in der Woche eine Stunde. Ich höre jetzt schon die Stimmen, die da sagen „täglich Zeit für mich, das liegt bei mir aber nicht drin“. Bist du dir da sicher? Ein Tag mit 24 Stunden hat 1’440 Minuten. Da sollte es wohl selbst unter den verrücktesten Umständen drinliegen, täglich 10 Minuten für dich abzuzweigen. ;-) Und wer weiss, mit einer solchen täglichen Mini-Auszeit fällt dir dann sicher auch wieder ein, was dir sonst noch gut tun würde und was dir wichtig ist, um in dieser hektischen Welt ein freudvolles und erfülltes Leben zu leben.


Alles Liebe von

Karin






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